20170323 205346 dAm Donnerstag, 23. März 2017 lud die Uniterre zur «Strohballenarene» am FIBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau) in Frick ein. Uniterre ist eine unabhängige Organisation von Bäuerinnen und Bauern in der Schweiz. Ihre Wurzeln hat die Organisation primär in der Westschweiz. Der mehrheitlich aus kleineren und mittleren bäuerlichen Familienbetrieben bestehenden Organisation gelang es jedoch in letzter Zeit auch in der deutschsprachigen Schweiz Fuss zu fassen. 

 

Uniterre stützt sich unter anderem auf die Grundsätze von Via Campesina, vertritt den Anspruch nach Ernährungssouveränität auf national-regionaler Ebene, fordert angemessene Preise für die landwirtschaftlichen Produkte und kämpft für einen höheren Anteil der Bauern an der gesamten Wertschöpfungskette der Lebensmittelbranche. Die Förderung der Solidarität unter den Bauern gehört ebenfalls zur Agenda von Uniterre. Die bäuerliche Landwirtshaft soll nach den Vorstellungen von Uniterre für die einzelnen Betriebe existenz- und zukunftssichernde Erträge erwirtschaften können. Dabei ist der Respekt vor den Menschen, den natürlichen Ressourcen und den Tieren, Teil der Existenz- und Zukunftssicherung. Zu den Zielen der Uniterre gehören auch das Engagement für eine harmonische Gesellschaft und für das Gemeinwohl, aus der Überzeugung, dass dies der bäuerlichen Tradition entspricht. An dieser Grundhaltung orientiert sich die von Uniterre lancierten und eigereichten Eidgenössischen Volksinitiative «Für Ernährungssouveränität- die Landwirtschaft betrifft uns alle». 

Aktuell stehen mehrere Initiativen mit dem Fokus auf unsere Ernährung zur Debatte. Dies veranlasste «Uniterre» die Veranstaltung «Strohballenarena» in Frick zu organisieren. Vorgestellt wurden die «Fair-Food-Initiative» (Grüne Partei der Schweiz), der Gegenvorschlag des Parlamentes zur Initiative «für Ernährungssicherheit», des Schweizerischen Bauernverbandes und die Initiative «Für Ernährungssouveränität», Uniterre.

 

DSC 0460Gemeinsame Inhalte

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass es den drei Urhebern der Initiativen gelungen ist, das Thema «Ernährung» in die Öffentlichkeit zu tragen. Die sehr erfolgreich verlaufenen Sammlungen der notwendigen Unterschriften belegen, dass die Schweizer Bevölkerung an den Themen: einheimische Landwirtschaft, sichere Lebensmittelversorgung, gesunde und natürliche Produkte sehr interessiert ist.

Alle drei Initiativen fordern Sicherheit in der Nahrungsmittelversorgung und betonen die Bedeutung einer nachhaltigen und ressourcenschonenden, einheimischen Produktion. Bei der Initiative des Schweizer Bauern Verbandes (SBV) respektive dem Gegenvorschlag geht es um die Sicherung des Kulturlandes und einer standortangepassten und ressourceneffizienten Produktion in der Landwirtschaft. Die Grünen verlangen eine Stärkung der Qualität, eine tierfreundliche Produktion und faire Arbeitsbedingungen sowie die gleichen Auflagen für importierte wie einheimischen Lebensmittel. Die Uniterre geht umfassender vor. Mit der Betonung auf Ernährungssouveränität, fordert sie eine einheimische bäuerliche Landwirtschaft, die einträglich und vielfältig ist, gesunde Lebensmittel produziert und den gesellschaftlichen und ökologischen Erwartungen der Bevölkerung gerecht wird.

Unter der Moderation von Adrian Krebs, Chefredaktor der Bauernzeitung stellten sich Nationalrat Markus Ritter, Präsident Schweizer Bauernverband, Rudi Berli, Gewerkschaftssekretär Uniterre, und Nationalrätin Maya Graf, (Grüne) der Diskussion. Auf die Frage, was haben die drei Initiativen gemeinsam, antworte Maya Graf:» Essen beeinflusst die Welt». Sie lenkte damit den Blick auf die Tatsache, dass wir mit unserem Konsum- und Ernährungsverhalten, Spuren auch ausserhalb der Schweiz zurücklassen. Es ist nicht gleichgültig, wie Lebensmittel produziert, transportiert und konsumiert werden. Mit Bezug auf den Verschleiss von Nahrungsmitteln (ca. 30% der Nahrungsmittel landen in der Schweiz auf dem Müll) forderte sie, dass wir wieder lernen sollten, mit Nahrungsmittel sorgfältig umzugehen was unter anderem bedeutet, die hauswirtschaftlichen Fähigkeiten wieder vermehrt zu fördern. Markus Ritter betonte die Wirkung der drei Initiativen. Die Frage der Ernährung ist bei der Politik angekommen, wichtig sei auch gewesen, dass sich die Initianten nicht gegeneinander ausspielen liessen.  Obwohl unterschiedliche politische Positionen in anderen Bereichen vorhanden seien, haben man bei der Ernährungsfrage erfolgreich zusammengespannt. Der Gegenvorschlag zur Initiative des Bauernverbandes sei dann auch ein Produkt der gemeinsamen Haltung in der Ernährungsfrage.  Es sei nun wichtig, die weiteren Entwicklungen genau zu beobachten und rechtzeitig, vor allem vorausschauend zu handeln.

Rudi Berli stellte die Initiative «Ernährungssouveränität» in einen grösseren Zusammenhang. Es geht um die Zukunftsfrage «Was für eine Wirtschaft wollen wir?». Die Wachstumswirtschaft wird an der Realität der begrenzten Ressourcen früher oder später scheitern. Uniterre will die Diskussion um das zukünftige Wirtschaften mit der Initiative in Gang setzen. So soll die Wertschöpfung wieder zurück auf den Hof gebracht werden.  (örtliche Produktion in eher kleineren Einheiten) Mehr Menschen sollten in der Landwirtschaft beschäftigt werden und die Produktepreise, die auf dem Markt realisiert werden, müssen die Existenz der landwirtschaftlichen Betriebe sichern. (Arbeitsplätze schaffen und nicht vernichten- auch ein Gegensatz zum Robotereinsatz) Damit spricht er einerseits die Notwendigkeit an, die Ressourcen nachhaltig vor Ort zu nutzen und anderseits plädiert er grundsätzlich für den Aufbau von lokal-regionalen Wirtschaftskreisläufen und existenzsichernden Marktbedingungen. (siehe auch Weltagrarbericht)

Der Milchpreis drückt

In der offenen Diskussion wurde dann vor allem das Problem des in den Keller gefallenen Milchreises aufgeworfen. Die Schweiz ist primär für die Milchwirtschaft geschaffen und die bäuerlichen Betriebe sind auf kostendeckende Milchpreise angewiesen.  Eine Landwirtschaft ohne Milchwirtschaft ist nicht überlebensfähig, sagt Berli. Der aktuelle Milchpreis (pro Liter ca. 60 Rp.) ist weit von der Forderung nach existenzsichernden Preisen entfernt. Die Nachfragemacht seitens der Grossverteiler (Migros und Coop) aber auch der Verarbeitungsindustrie (Emmi) begünstigen den Milchpreiszerfall. Neben der Direktvermarktung müssen Verhandlungen mit den marktmächtigen Unternehmen auf der Nachfrageseite geführt werden. Markus Ritter (SBV) gab sich kämpferisch und meinte: «Ich setze mich gerne für gemeinsame Lösungen ein, aber er habe auch einen Sinn für Gerechtigkeit und lasse sich daher nicht über den Tisch ziehen».

DSC 0482Strukturwandel als Herausforderung

Die Tatsache, dass immer mehr Bauernfamilien ihren Betrieb aufgeben müssen, hat vielseitige Gründe. Für die Landwirtschaft müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den Beruf des Landwirts wieder attraktiv macht. Wichtig sei aber auch die Haltung der Eltern, meint Markus Ritter. In den Bauernfamilien am Mittagstisch prägt sich das Bild über die Berufsperspektiven als Bauer. Die Kinder nehmen auf, was die Eltern über ihre Arbeit erzählen. Mut machen sei daher ebenfalls eine Aufgabe, die er als Präsident des Bauernverbands wahrnehme. Maya Graf sprach sich mit Bezug auf den Strukturwandel dafür aus, dass die Landwirtschaft nicht mehr Teil von Freihandelsverträgen sein kann. Man müsste mit der WTO (Welthandelsorganisation) entsprechende Verhandlungen führen. Sie gab auch zu bedenken, dass mit der einseitigen Betonung des möglichst tiefen Preises für Lebensmittel bei den Konsumenten falsche Anreize geschaffen werden. Man sollte den Mehrwert von natürlichen, frisch zubereiteten Lebensmitteln und die Qualität der Produkte in den Vordergrund stellen. Zudem sind die heute weit verbreiteten bereist industriell verarbeiteten Lebensmittel im Verhältnis zum Rohprodukt stark überteuert. In den privaten Haushalten könnte viel Geld gespart werden, wenn an Stelle von Convenience-Food wieder Rohprodukte verarbeitet würden. Der Trend zu mehr Natürlichkeit könnte den Konsum von Produkten direkt vom Acker oder aus dem Stall bestimmt positiv beeinflussen. In diesem Zusammenhang wurde auch die Meinung vertreten, die Bürger bei der nächsten Revision der Agrarpolitik vermehrt einzubeziehen (AP22)

In der Schlussrunde lenkte Rudi Berli die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf die Bedeutung von Veränderungen in der Gesellschaft. Die fortschreitende Individualisierung innerhalbe unserer Gesellschaft wird uns beschäftigen. Sie fördert den Egoismus und verhindert gemeinsame Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. Mit Blick in die Zukunft meint er: Wir werden uns Gedanken machen müssen, wie wir einen gemeinsamen Konsens finden, um den Herausforderungen gewachsen zu sein, die auf uns zukommen.

Mit der heutigen Diskussion über die verschiedenen Fragen rund um die Ernährung und den in Bern deponierten Eidgenössischen Volksinitiativen bezüglich der Lebensmittelproduktion und -Versorgung in der Schweiz wurde der Boden für eine vertiefte Auseinandersetzung über die gesellschaftspolitische Bedeutung der Landwirtschaft   vorbereitet. Es liegt nun an jedem einzelnen von uns, dafür zu sorgen, dass die Saat aufgeht.

Reinhard Koradi, Dietlikon

Quelle : www.zeitgeschehen-im-fokus.ch